von unserem Mitarbeiter Folkert Lunz
Wissen Sie was ein Struvitstein ist? Oder eine Prescription Diet? Sagen Ihnen die Buchstaben g/d, k/d oder c/d etwas? CD hatte ich auch schon mal gehört, aber das ist hier nicht gemeint. Wussten Sie, dass Rohasche auf Englisch wirklich raw ash heißt? Und was bitte genau ist eigentlich Rohasche? Wer jetzt voller Selbstbewusstsein seine Hand heben kann und ganz laut „Das weiß ich alles!“ rufen kann, dem rufe ich genauso laut zurück: „Toll! Wo warst Du an meinem ersten Tag in der Tiertafel-Ausgabestelle Bremen? Dich hätte ich brauchen können!“
Mit einem warmen „Hallo“ und „Schön, dass Du da bist“ wurde ich an diesem späten Mittag empfangen. Annette, eine der beiden Ausgabestellenleiterinnen in Bremen, erkannte ich sofort, schließlich war ihre Frisur noch genauso frisch geschnitten wie meine. Man wird sich erinnern, dass es auf einer grünen Couch beim Friseur war, wo ich eingeladen wurde, doch mal bei der Tiertafel-Ausgabestelle Bremen vorbei zu schauen, wenn ich mich ehrenamtlich unausgelastet fühlen würde. Ich muss zugeben, dass ich noch nie wirklich irgendwo ehrenamtlich gearbeitet habe. Und für den Tierschutz auch nicht, obwohl der mich immer interessiert hat.
„Schau Dich doch mal um was wir hier so machen, das ist Gitta, sie ist mit dir heute bei den Katzen.“ „Bei den Katzen?“ denke ich und habe noch immer meinen Tiertafel-Flyer in den Händen, der schon deutliche Gebrauchsspuren trägt. Na, ich brauchte doch die Adresse. Bremen ist groß, auch wenn wir es hier liebevoll „Dorf mit Straßenbahn“ nennen.
Auf mich zu kommt eine blond gelockte Frau, die mich freundlich über ihre goldgeränderte Brille anschaut. „Hallo ich bin Gitta und Du bist?…“ – „Folkert“ sage ich. „Ich mache mit Dir heute Katzen.“ – „Was das auch immer bedeutet.“ Innerlich nimmt sie mich an die Hand und führt mich hinter den Tresen. Nach 10 Minuten weiß ich den Unterschied zwischen „Senior“- und „Adult“- Futter. Wo welche Futterdosen stehen und das die ältere Dame dort vor mir die erste Kundin ist, welche grade herein gekommen ist. Wir haben geöffnet! Die kommenden zwei Stunden lerne ich eine Menge. Ich lerne was ein Struvitstein ist und das Presciption Diet ein spezielles Futter ist. Und mit g/d, und k/d Futtercodes finde ich durch den Dschungel der häufigsten Katzenbeschwerden. Meine Güte, was diese Viecher alles für Krankheiten bekommen und was das dann für ihre Menschen bedeutet! Ich erlebe Not und Hilflosigkeit, aber auch Hoffnung und Dankbarkeit. Mehrmals in dieser Zeit habe ich das Gefühl als würde die Temperatur in meiner Brust um ein paar Grad ansteigen. Wann ich das letztemal sinnvoller meine Stunden verbracht habe fällt mir grade nicht ein. Hier habe ich das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Etwas Richtiges und sinnvolles. Hinter und vor dem Tresen sind Menschen, die das Leben getroffen hat. Und manche mit voller Breitseite. Dann zu erleben wie diese Menschen von ihrem tierischen Begleiter erzählen und Zuversicht in ihren Augen leuchtet, das belebt auch mein Innerstes. Vier Pfoten und man weiß es geht weiter.
Irgendwann nimmt der Strom der Kunden ab und die Frau mit der goldgeränderten Brille fragt mich, ob es mir den gefallen hät- te und ob ich wieder kommen wolle. Und auf beide Fragen kann ich nur mit einem Tiefen „Ja!“ antworten.
Den ersten Teil dieser Serie findet ihr hier.