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Mein Leben mit der Tiertafel (Teil 2)

von unserem Mitarbeiter Folkert Lunz

Wissen Sie was ein Struvitstein ist? Oder eine Prescription Diet? Sagen Ihnen die Buchstaben g/d, k/d oder c/d etwas? CD hatte ich auch schon mal gehört, aber das ist hier nicht gemeint. Wussten Sie, dass Rohasche auf Englisch wirklich raw ash heißt? Und was bitte genau ist eigentlich Rohasche? Wer jetzt voller Selbstbewusstsein seine Hand heben kann und ganz laut „Das weiß ich alles!“ rufen kann, dem rufe ich genauso laut zurück: „Toll! Wo warst Du an meinem ersten Tag in der Tiertafel-Ausgabestelle Bremen? Dich hätte ich brauchen können!“

Mit einem warmen „Hallo“ und „Schön, dass Du da bist“ wurde ich an diesem späten Mittag empfangen. Annette, eine der beiden Ausgabestellenleiterinnen in Bremen, erkannte ich sofort, schließlich war ihre Frisur noch genauso frisch geschnitten wie meine. Man wird sich erinnern, dass es auf einer grünen Couch beim Friseur war, wo ich eingeladen wurde, doch mal bei der Tiertafel-Ausgabestelle Bremen vorbei zu schauen, wenn ich mich ehrenamtlich unausgelastet fühlen würde. Ich muss zugeben, dass ich noch nie wirklich irgendwo ehrenamtlich gearbeitet habe. Und für den Tierschutz auch nicht, obwohl der mich immer interessiert hat.

„Schau Dich doch mal um was wir hier so machen, das ist Gitta, sie ist mit dir heute bei den Katzen.“ „Bei den Katzen?“ denke ich und habe noch immer meinen Tiertafel-Flyer in den Händen, der schon deutliche Gebrauchsspuren trägt. Na, ich brauchte doch die Adresse. Bremen ist groß, auch wenn wir es hier liebevoll „Dorf mit Straßenbahn“ nennen.

Auf mich zu kommt eine blond gelockte Frau, die mich freundlich über ihre goldgeränderte Brille anschaut. „Hallo ich bin Gitta und Du bist?…“ – „Folkert“ sage ich. „Ich mache mit Dir heute Katzen.“ – „Was das auch immer bedeutet.“ Innerlich nimmt sie mich an die Hand und führt mich hinter den Tresen. Nach 10 Minuten weiß ich den Unterschied zwischen „Senior“- und „Adult“- Futter. Wo welche Futterdosen stehen und das die ältere Dame dort vor mir die erste Kundin ist, welche grade herein gekommen ist. Wir haben geöffnet! Die kommenden zwei Stunden lerne ich eine Menge. Ich lerne was ein Struvitstein ist und das Presciption Diet ein spezielles Futter ist. Und mit g/d, und k/d Futtercodes finde ich durch den Dschungel der häufigsten Katzenbeschwerden. Meine Güte, was diese Viecher alles für Krankheiten bekommen und was das dann für ihre Menschen bedeutet! Ich erlebe Not und Hilflosigkeit, aber auch Hoffnung und Dankbarkeit. Mehrmals in dieser Zeit habe ich das Gefühl als würde die Temperatur in meiner Brust um ein paar Grad ansteigen. Wann ich das letztemal sinnvoller meine Stunden verbracht habe fällt mir grade nicht ein. Hier habe ich das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Etwas Richtiges und sinnvolles. Hinter und vor dem Tresen sind Menschen, die das Leben getroffen hat. Und manche mit voller Breitseite. Dann zu erleben wie diese Menschen von ihrem tierischen Begleiter erzählen und Zuversicht in ihren Augen leuchtet, das belebt auch mein Innerstes. Vier Pfoten und man weiß es geht weiter.

Irgendwann nimmt der Strom der Kunden ab und die Frau mit der goldgeränderten Brille fragt mich, ob es mir den gefallen hät- te und ob ich wieder kommen wolle. Und auf beide Fragen kann ich nur mit einem Tiefen „Ja!“ antworten.

Den ersten Teil dieser Serie findet ihr hier.

Mein Leben mit der Tiertafel (Teil 1)

von unserem Mitarbeiter Folkert Lunz

Früher hatte ich mal lange Haare. Warum? Ich wollte halt einmal im Leben lange Haare gehabt haben. Also ließ ich sie mir bis über die Schulter wachsen, bis mir Menschen den Namen Jesus auf der Straße entgegenwarfen. Dann schnitt ich sie ab. Ich will auch einmal eine Glatze haben. Auf natürlichem Wege kommt die ja von ganz alleine, aber ich will mir mal eine schneiden oder zumindest schneiden lassen. Einfach aus dem Grund, weil ich wissen will wie das so ist. Ich bin ein neugieriger Mensch und wenn es etwas Neues zu erfahren gibt, das auch noch ungewöhnlich klingt, dann bin ich dabei.

Mit diesem Ziel saß ich damals natürlich nicht beim Friseur auf der grünen Warte-Couch. Ein ganz normaler Herrenhaarschnitt sollte es sein. Um mir die Zeit zu vertreiben bis ich unters Messer kam, wühlte ich in dem Zeitschriftenberg und suchte etwas In- teressantes. Nun gibt es ja beim Friseur maximal vier Sorten von Unterhaltung, in der man blättern kann. Da wäre das Hardcoverbuch mit Haarmodellen. Da schau ich aber nie rein. Weiter liegen dort auch Comics oder etwas „Bravo“-ähnliches. Find ich nicht schlecht, aber die ist immer so schnell durchgelesen. Ja und noch die Klischee Männer- und Frauenzeitschriften. Nun und da ist die Wahl für mich leicht. Für die Herbstdamenmode interessiere ich mich so gut wie gar nicht. Aber noch weniger interessieren mich Motorräder, Rennwagen und Fußballergebnisse. Also schmökerte ich die Brigitte durch und blieb am Bild eines Golden Retrievers hängen, dem grad von einer schmucken Dame der Bauch gekrault wird. Der nebenstehende Text behandelte irgendwas zum Thema „Fellkraulen ist Wellness für die moderne Frau“ oder so. Doch ich kam nicht dazu, weiter zu lesen. Eine andere Kundin setzte sich zu mir auf die Couch. Auch sie wartete, doch sie suchte sich nicht eine eigene Zeitschrift sondern schaute in meine. Das alles beobachte ich aus dem Augenwickel.

Eine Anfang Vierzigerin mit kurzen blonden Haaren. Nicht unsympathisch. Doch sie schien meinen Blick bemerkt zu haben und fragte ungeniert ob ich auch einen Hund hätte. Nun ich habe nicht wirklich einen Hund. Also so zum Drittel oder Viertel. So ein Scheidungshund eben. Übers Wochenende ist mal bei mir und ich mache das, was man mit Scheidungskindern halt macht. Ich verwöhne ihn und bringe ihn gegen den neuen Partner meiner Ex-Freundin auf.

Na ja und als ich das alles erzählt hatte, stellte sich so langsam raus, wen ich da neben mir auf der Couch sitzen hatte. Eine der beiden    Leiterinnen    der    Tiertafel-Ausgabestelle Bremen in Person. So sprachen wir ohne viele Vorbehalte über unsere Hunde und ihre Menschen, also uns selbst. Und wo landet das Gespräch, wenn man über Hunde spricht und das mit einem Tier- tafel-Mitglied? Richtig!

Mit geschickt formulierten Sätzen sponn sie mich in ein Geflecht von Tierliebe, Freizeit und Engagement ein. Was soll ich sagen? Als mir dann der Umhang von meiner Friseurin umgelegt wurde und sie nach meinen Wünschen fragte, waren meine Gedanken noch immer bei dem Flyer der Tiertafel in meiner Hand und beim Termin für den nächsten Freitag, zur ersten Ausgabe.

Morgen folgt der zweite Teil der Geschichte.